Eine Fahrt mit Segelneulingen ohne Vorkenntnisse
Ein Bericht von unserem Mitglied Gottfried Kessler
Sonntag, 28.01.2007, Ingolstadt:
ÒGottfried, wir wollen mit Dir segeln gehen!Ó Wie, wo, was? Heute morgen bin ich nach der 50er Ð Geburtstagsfeier meines Freundes Manfred noch nicht so ganz ansprechbar. Aber nach 2x Nachfragen steht es fest, Sonja und Manfred, die ich noch aus der Studienzeit kenne und noch nie an Bord einer Segelyacht waren, wollen mit mir mitsegeln. Wo jetzt einen Co-Skipper hernehmen?
Samstag, 03.11.2007, GaststŠtte Baris in Hamburg Uhlenhorst.
Gerade bin ich von der Hamburger Bootsaustellung ÒhansebootÓ zurŸck, wo ich mich auf dem Stand der Firma ÒReal-SailingÓ Ÿber ein paar X-Yachten in Burgtiefe/Fehmarn erkundigt hatte. Ich bin mit meinem Segelkameraden Bernhard zum Essen verabredet. ÒGottfried,Ó fragt er so mitten im GesprŠch,Ó hast Du Lust mit mir nŠchstes Jahr Segeln zu gehen, Griechenland oder TŸrkei?Ó ÒAn fŸr sich gerne, Òantworte ich, Òaber ich habe vor, einen Tšrn mit alten Freunden zu machen und bin daher schon belegt. Aber falls Dein Tšrn noch nicht steht? Hast Du Lust bei mir mitzusegeln?Ó ÒO.K. Gottfried, ich melde mich bei DirÓ, verabredet Bernhard.
Sonntag 04.11.2007, 21;10Uhr bei mir in Ravensburg.
Rringgg, rringg macht das Telefon. ÒHallo Gottfried, hier ist BernhardÓ, hšre ich aus dem Telefonhšhrer, Òalso ich segele mit Dir mit. Eine Frage habe ich allerdings, warum soll es eine X 412 mit 2,1m Tiefgang sein?Ó Die Antwort fŠllt mir leicht und er ist beruhigt. Die Wahrheit, da§ mein inzwischen 54jŠhriges Leben nach so tollen Yachten wie Swan, Baltic, Hallberg-Rassy, Grand Soleil, Luffe, X-Yacht und diversen Einzelbauten aus Stahl und Alu zu kurz geworden ist, um es mit ÒB..-YachtenÓ zu verschwenden kann ich mir gerade noch verkneifen.

Die Segelyacht ãX-dreamÒ, X 412, in Burgtiefe am Steg 1
28.06.2008, Burgtiefe / Fehmarn, alle an Bord und los geht es
08:00Uhr: Mein Handy klingelt und Manfred, der mit Sonja die Nacht durch angereist ist, ruft von unterwegs an, um zu fragen, ob Brštchen zum FrŸhstŸck in Ordnung wŠren. NatŸrlich, sage ich und stehe zusammen mit Bernhard auf. Bernhard und ich sind bereits am Freitag Abend angereist und haben das Schiff Ÿbernommen. Sonja und Manfred hatten da noch den Schulabschlu§ ihres Sohnes zu feiern.

Stilvolle Verpflegung von Sonja und Bernhard
Da das Paar noch nie an Bord einer Segelyacht war, ist fŸr heute ein kleiner EinfŸhrungsschlag Richtung Gro§en Brode geplant. Nach dem FrŸhstŸck, einem Einkauf und einer ausfŸhrlichen Einweisung in Schiff und SicherheitsausrŸstung hei§t es um 14:45Uhr ãLeinen los.Ò Damit Bernhard und ich das Schiff unter Motor kennen lernen (es hat einen Faltpropeller) fahren wir erst einige Hafenmanšver bevor es aus dem Hafen geht. Nur unter Genua 3 laufen wir voll und bei mit 4-5kn. Den ungewohnten Seegang Ÿberstehen die Neulinge gut und um 17:45Uhr sind die Leinen wieder fest in Burgtiefe. Leider stellt Bernhard Wasser in seiner Kabine fest. Es steht unter den Bodenbrettern und bei der Suche nach der Ursache wird auch im Salon in der Bilge Wasser festgestellt. Da wir das Problem nicht lšsen kšnnen, informiere ich den Vercharterer, welcher dann auch nach einer halben Stunde vor Ort ist (Samstag um 19:00Uhr). Obwohl die Bilgenpumpe getauscht wird und ein verstopftes Filtersieb entdeckt wird, bleibt der Wassereintritt bis zum Ende der Reise unklar. Aber wir haben fortan kein Problem mehr damit.
Der Hafen Gedser in DŠnemark ist unser Tagesziel. UngefŠhr 30sm sind fŸr den ersten kompletten Segeltag genug fŸr den Einstieg. Bereits um 9:45Uhr verlassen wir den Liegeplatz und dann den Hafen. Da wir nach Setzen von Gro§segel und Genua vor dem Wind laufen, wird eine Bullentalje gesetzt. Mit dieser Besegelung laufen wir zwischen 5,3kn und 6,5kn dem Ziel entgegen. Leider wird der Wind immer schwŠcher und wir sind gezwungen um 14:00Uhr die Segel zu streichen. Unter Maschine laufen wir durch den Tonnenstrich bis Gedser Yachthafen und machen an der Au§enmole fest. Der Hafen liegt so weit ab vom Schu§, da§ wir noch nicht einmal Gelegenheit haben in einer GaststŠtte Fu§ball (Europameisterschaft) zu sehen; aber wir haben ja Urlaub.
Heute hat der Wind auf ca. 6 Bft. zugelegt und es soll auch laut Wetterprognose den ganzen Tag so bleiben. Daher ordne ich einen Hafentag an (schlie§lich mšchte ich ja meine langjŠhrigen Freunde nicht verlieren). Bernhard ist das nicht so recht, aber ich setze mich durch. Er macht eine Wanderung zum Leuchtturm Gedser, wŠhrend wir anderen erst den FŠhrhafen, dann den Ort besichtigen. Der alte Wasserturm (VandtŒrn) ist fŸr 5 DKK zu besteigen. Aufgrund der guten Sicht kann ich sogar die KŸhltŸrme des Kraftwerkes Rostock erkennen und die liegen immerhin 48km Luftlinie entfernt.

Easy sailing bei Ostwind StŠrke 2-3Bft von Gedser nach Hesn¾s/Falster .
01.07.2008, Hesn¾s / Falster
Der Wetterbericht sagt fŸr diesen Tag Ostwind 2-3 voraus. So machen wir uns schon frŸhzeitig auf und laufen bereits um 08:55Uhr aus. Das Tagesziel ist entweder Klintholm mit ca. 35sm oder der kleine idyllische Hafen Hesn¾s am Eingang zum Gr¿nsund gelegen. Bis zur Osttonne ãGedser RevÒ laufen wir unter Motor gegenan, denn der Wind kommt jetzt aus Ost. Allein unter Genua 1, die wir noch im Hafen gegen die Genua 3 getauscht hatten, laufen wir ab dort mit 5 kn und teils mit Autopilot weiter in Richtung Norden. Er ist ein wunderschšner Segeltag und ich kann eine Reihe von Aufnahmen mit meiner Videokamera machen. Der Wind wird zwar immer schwŠcher, doch es geht immer noch voran. So beschlie§en wir nur bis Hesn¾s zu segeln, andernfalls hŠtten wir schon lŠngst den Motor bemŸhen mŸssen. Um ca. 16:00Uhr erreichen wir die Kardinaltonne Praesbjerg Rev Ost, bergen das Segel und mŸssen noch ca. 10 Minuten unter Maschine zwischen BundgarnpfŠhlen und Untiefen zum Hafen fahren. Obwohl es Hauptsaison ist, ergattern wir noch einen guten Liegeplatz an der Au§enmole. Das Anlaufen war etwas spannend, denn bei 2,1m Tiefgang existieren in diesem Hafen nur beschrŠnkt LiegeplŠtze fŸr unsere X-Dream.

In Hesn¾s an der Au§enmole, ein kleiner idyllischer Hafen
Ab heute hei§t es leider: Wieder langsam an die RŸckfahrt denken. Bei dem vorherrschenden Wind aus Ost wollen wir nach SŸden fahren. Da bietet sich nur WarnemŸnde an. Es sollte unsere lŠngste Tagesetappe des Tšrns mit gut 40sm werden. Schon um 9:00Uhr haben wir den Liegeplatz verlassen, 15 Minuten spŠter die Segel gesetzt und unter Halbwind E4 geht es mit 5-6kn Richtung SŸden. Bei diesen Kursen kšnnen auch wie am Vortag, die Neulinge ans Ruder gehen. Es ist ein wunderschšner Sonnentag, keine Wolke am Himmel und Wind! Seglerherz was willst Du mehr? Um 11:00 Uhr haben wir das Verkehrstrennungsgebiet vor WarnemŸnde erreicht und um 14:55Uhr stehe wir vor dem Seekanal. Die X-Yacht hat uns mit ihrem exzellenten Steuerpotential alle Ehre gemacht und wir kommen wesentlich frŸher als geplant dort an. Inzwischen ist das Team schon eingespielt und rasch sind die Segel geborgen. Um 15:14Uhr sind die Leinen fest lŠngsseits im Yachthafen ãAlter StromÒ. Hier sind wir das einzige Mal essen gegangen (sonst immer selbst gekocht) und das war vorzŸglich. Obwohl WarnemŸnde eine Ferienstadt ist, gibt es in der Altstadt immer noch genŸgend Ecken abseits des Touristenrummels. Von der Au§enmole aus konnten wir noch einen wunderbaren Sonnenuntergang beobachten.
Sonja unter Aufsicht des Skippers am gro§en Ruder der Yacht
03.07.2008, Gro§en Brode / Klemenswerft
Der Donnerstag war unser letzter vollstŠndiger Segeltag. FŸr den letzten Tag sollte eine kurze Entfernung nach Burgtiefe wichtig sein, da das Schiff bereits um 13:00Uhr abgegeben werden mu§. Wie jeden Morgen waren wir um 9:00Uhr bereits unterwegs und schlichen die erste Stunde bei SŸd 2 die KŸste entlang. Der kilometerlange Strand war gut von Urlaubern besucht; Hochsaison eben. Sonne ohne Wolken; wieder ein wunderschšner Tag und um uns herum auch andere Segler und auch ein Traditionssegler, ein Schoner mit rotbraunen Segeln. Unsere X-Dream lie§ natŸrlich alle hinter sich und so macht Segeln richtig Spa§! Dann nahm der Wind langsam, aber bestŠndig zu und wir fuhren teils mit Ÿber 9kn dem Ziel entgegen. Trotz Vorwindkurs mu§te noch die Genua 1 ein wenig eingerollt werden. Wie schon am Vortag brachte uns die schnelle X-Yacht frŸhzeitig in den Hafen und schon um 15:15Uhr waren die Leinen fest in Gro§en Brode Ð Klemenswerft. Ich selbst war froh drum, denn bis abends frischte der Wind auf lockere 35-40kn auf und ich machte mir schon Gedanken wie die RŸckfahrt am letzten Tag wohl aussehen wŸrde.
X-Dream am Steg der Klemens Werft in Gro§en Brode
04.07.2008, Burgtiefe / Fehmarn
Welch eine †berraschung, der Wind hat abgeflaut. Zwar stehen noch immer 18kn auf dem Windmesser, aber die Wellen haben sich grš§tenteils beruhigt. So sind wir um 8:50Uhr schon unterwegs, kšnnen um 9:10Uhr die Genua setzen und erreichen nur mit einem einzigen Holeschlag die grŸne Tonne ãBurg 1Ò am Eingang zum Tonnenstrich in die Fahrrinne nach Burgtiefe. Nach einer kurzen Warteschleife an der Tankstelle legten wir wieder genau an dem Liegeplatz an, an welchem wir die Yacht erhalten hatten. Herr Hegerfeld erwartete ãseineÒ Charteryachten schon und nahm die Leinen entgegen. Eine Woche Segeln mit viel Wind, einem Hafentag und viel Sonne war zu Ende gegangen.
Es ist immer wieder erhebend, sich von der Masse der Ÿblichen Hergebrachten abzuheben. Schon der blaue Rumpf mit den 3 wei§en Streifen fŠllt in jedem Hafen auf. Das Schiff mit 4 Personen zu belegen war die richtige Entscheidung. Das Paar in die Vorderkabine und Bernhard und ich jeweils die Achterkabinen lie§ fŸr jeden genŸgend persšnlichen Freiraum. Die AusrŸstung der X-Yacht ist mehr als gro§zŸgig. Trotz Rollanlage gibt es 2 Vorsegel, das Gro§segel ist durchgelattet und mit im Mast versenkten Kugelrutschern versehen; das ist kein normaler Charterstandard. Ausreichend Fender (auch ein ganz gro§er), genŸgend Festmacher, lang und nicht verschlissen, ein Teakdeck als Augenweide, das riesige, lederbezogene Ruderrad mit Autopilot. Am Ruderstand einen Garmin Kartenplotter, TochtergerŠte am gro§en Kartentisch, Automatikwesten mit Lifebelts; alles bester Zustand. In der Pantry Edelstahltšpfe, qualitativ hochwertige Bestecke und mehr als ausreichende Kochutensilien entsprechen hohem Standard. Es ist auch angenehm bei †bernahme ein paar MŸlltŸten und GewŸrze im Schrank zu haben. Da wird heute oft zuviel des Guten gespart. Herr Hegerfeld, der GeschŠftsfŸhrer von Real-Sailing, hat die †bergabe und †bernahme unkompliziert und zŸgig durchgefŸhrt, ohne pingelig jeden Lšffel nachzuzŠhlen. Vielen Dank nochmals fŸr die schnelle Reparatur und Austausch der Bilgenpumpe wegen des Wassereinbruchs am ersten Segeltag, Samstag abends um 19:00Uhr.
Ich finde es recht schade, dass sich nicht mehr Segler fŸr solch hochwertige Schiffe begeistern kšnnen und hoffe, dass durch den Preiskampf in dieser Branche auch in Zukunft noch Anbieter hochwertiger Schiffe existieren kšnnen und der Markt nicht durch zwar stŠndig neue, aber eher billige Einweg- und Wegwerfschiffe Ÿberschwemmt wird.
Bericht: Gottfried
Kessler